Historie

An Hand dieser Fahrzeuge lässt sich beinahe die ganze deutsche Geschichte des
20. Jahrhunderts nachgezeichnet werden:

 

  • Gründung durch eine jüdische Familie in der Kaiserzeit
  • Wirtschaftsboom und gewaltige technische Leistung in der Weimarer Republik
  • Bedrohung in der Weltwirtschaftskrise
  • Waffenlieferant im 1. Weltkrieg,
  • Enteignung durch die Nazis mit Flucht der Familie Simson über die Schweiz in die USA
  • Kriegsproduktion im 2. Weltkrieg
  • Demontage des Werkes während der russischen Besatzungszeit und Neuentstehung
    als sowjetische Aktiengesellschaft
  • Umwandlung in einen volkseigenen Betrieb in der DDR,
  • Wirtschaftliche Stagnation in der sozialistischen Planwirtschaft und Innovationen trotz
    Mangelwirtschaft
  • Zusammenbruch der Firma im Zuge der deutschen Wiedervereinigung durch
    undurchsichtiges Agieren der Treuhandanstalt
  • Revival in einer grossen Oldtimerszene, die selbst in Vietnam existiert.

Die gesamte Geschichte würde wohl den Rahmen sprengen.
Ich beschränke mich deshalb hier auf die neuere Geschichte und wie die wirtschaftliche Stagnation in der DDR zum Zusammenbruch der Firma führte und in Suhl bis heute schwere soziale Folgen hat. Die Marke Simson lebt aber in einer treuen Fangemeinde weiter.

 

Bedeutung der Zweiräder in der DDR

Wie auch in Westdeutschland waren die Motorräder in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg bis in die 60- er Jahre alltägliche Fortbewegungsmittel. Das Auto war für viele Haushalte noch zu teuer. Während sich in der BRD, wie im übrigen Westdeutschland, dann immer mehr Familien einen eigenen PKW leisten konnten, hinkte der Autobestand in der DDR weit hinterher. Nicht alle Familien hatten ein eigenes Auto, Wartezeiten von über 10 Jahren für einen Trabant bis hin zu 17 Jahren für einen russischen Lada, der den Status eines Mercedes des Ostens genoss und hohe Auto- und Benzinpreise führten dazu, dass das Motorrad noch lange das Fahrzeug der Wahl war, wenn kein öffentlicher Verkehr zur Verfügung stand.

Ein Trabant kostete das durchschnittliche Jahresgehalt eines Schreiners von rund 10’000 M, für einen Liter Benzin mussten 1.50 M und für einen Wartburg oder Lada nach jahrelanger Wartezeit 20’000 bis fast 30’000 M bezahlt werden. Auf dem Schwarzmarkt wurden selbst für alte Occasionen mehrere 10’000 Mark über dem staatlich vorgegebenen Neupreis bezahlt, für die wenigen Westimporte (VW, Citroen oder Mazda) wurden gar über 100’000 in bar bezahlt. Dies war nur den Wenigsten möglich. Ersatzteile waren Mangelware. Für die Masse war das Auto ein Statussymbol, das nur zu besonderen Anlässen benutzt wurde, da es sehr lange halten musste. Das Motorrad war damit bis zum Ende der DDR ein Gebrauchsgegenstand. Die Simsons und MZ – Motorräder waren fast immer ohne Wartezeit zu bekommen und hatten niedrige Betriebskosten. Mit einem Kaufpreis von weit unter 2’000 M waren die Simsons auch relativ günstig.

Eine Besonderheit der DDR war es, dass die 50 ccm- Simsons bereits ab 15 Jahren gefahren werden durften. Für Jugendliche bedeute die Simson zum 15. Geburtstag eine Erweiterung des Aktionsradius und das Gefühl von Freiheit, noch bevor ein grosses Motorrad gefahren werden durfte. Mit 60 km/h Reisegeschwindigkeit waren auch diese Maschinen gut für den Stadtverkehr und taugten für kürzere Überlandfahrten. Im Zubehörhandel gab es auch Kindersitze und Anhänger, die die Fahrzeuge noch vielseitiger machten. Beide sind heute im Originalzustand begehrte und teuer gehandelte Objekte in der Oldtimerszene.

 

Geschichte der Firma Simson

Quelle

1854 Gründung der Firma Simson durch Kauf eines Stahlhammers in Suhl
1886 – 1900 Waffenproduktion Einstieg in die Produktion von Jagd- und Luxuswaffen. Produktion von Fahrrädern
auf modernem maschinellen Niveau.
Aufstieg zum einem der grössten Fahrradhersteller Deutschlands
Bis 1920 Automobile / Waffen Beginn der Automobilproduktion als weiteres Geschäftsfeld
Bis 1933 Pkw Simson Supra Fertigung von feinmechanischen Instrumenten, Handfeuerwaffen und Fahrrädern, sowie Rennerfolge des Simson Supra beflügeln den wirtschaftlichen Aufschwung des Familie Simson.
Der Simson Supra R dominiert die Rallye Monte Carlo
Bis 1945 Enteignung / Nazis Enteignung der jüdischen Gründerfamilie Simson durch die Nationalsozialisten, Flucht über die Schweiz in die USA. Serienanlauf des BSW Motor – Fahrrades Modell 100, Kriegsproduktion und Waffenherstellung dominieren
Bis 1950 Zerstörung / Sowjets Als ehemaliger Rüstungsbetrieb werden nach Kriegsende durch die russische Besatzungs – macht über 4000 Maschinen demontiert und Gebäude gesprengt. Der Restbetrieb fällt als Reparationsleistung an die Sowjetunion.
Aufbau der Fahrrad – und Kinderwagenfertigung. Befehl der russischen Besatzungstruppen zur Motorradkonstruktion. Damit wird der Grundstein für die Konstruktion der legendären AWO 425 gelegt
Bis 1960 Bau der AWO Der VEB Automobilbau beschliesst, dass Motorräder künftig nur noch bei MZ in Zwickau statt in den drei Firmen gefertigt werden. Auch bei EMW in Eisenach wird die Motorrad-produktion zu Gunsten der Autoproduktion eingestellt. Simson erhält den Auftrag, Zweiräder bis 50 ccm zu bauen. Auch die Fahrrad-produktion endet 1957 aus Kapazitätsgründen.
SR 1/ 2 und KR 50 heissen die neuen Modelle, die ein Erfolg werden
Bis 1970 Anlauf der Vogelserie Serienanlauf des neuen Motors M 53 mit variabler Leistung und Überarbeitung der Fahrwerke als Basis einer neuen „Vogelserie“. Schwalbe, Star etc. werden in grossen Stück – zahlen produziert. Der neu gebildete Gross -betrieb „VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk Ernst Thälmann“ hat etwa 14`000 Angestellte
Bis 1980 Start Mokick S 50 1972 entsteht mit dem Habicht das letzte Modell der Vogelserie. Die Serie läuft bis auf die Schwalbe aus. 1975 neue Baureihe S 50. Die Produktionszahlen steigen auf bis zu 150’000 pro Jahr. Produktion von Jagd- und Sportwaffen wird auf andere Werke konzentriert, um Kapazitäten zu schaffen

 

Bis 1990 Start Roller SR 50 1986 erhält die Schwalbe nach 22 Jahren Produktionszeit mit dem SR 50 einen Nachfolger. Die Jahresproduktion von 195’000 Stück kann die Nachfrage nicht decken

 

Bis 2000 Wiedervereinigung Simson startet 1989 unvorbereitet mit einer veralteten Modellpalette in die Markwirtschaft. Das neue Führerscheinrecht kippt die bisherige 60 km/h Regelung. Fast 6000 Mitarbeiter verlieren Ihren Arbeitsplatz. Es verbleiben zunächst ca. 200 Mitarbeiter, ehe die Firma endgültig in den Konkurs geht

 

Ab 2000 Übernahme durch MZA Am 1. Februar 2003: Zwangsversteigerung.
Die MZA (Meyer Zweiradtechnik Ahnatal GmbH) erwirbt Lagerbestände, Urheberrechte, Marke und Werkzeuge. Aus diesem ehemaligen Simson-Reparaturbetrieb entwickelt sich der grösste Hersteller von Simson – Ersatzteilen. MZA vertritt die Marke Simson auf Messen

 

 

Gründung, Kaiserreich und 1.Weltkrieg 1871 – 1918

Im 18. Jahrhundert war Deutschland in viele Kleinstaaten zerfallen. Das im heutigen deutschen Bundesland Thüringen liegende Suhl gehörte bis zur Gründung des deutschen Reiches als Exklave zum Königreich Preussen. Am 1.Januar 1871, noch während dem Deutsch – Französischen Krieg, wurde das Deutsche Reich mit einer neuen Verfassung als konstitutionelle Monarchie gegründet. Die politische Entwicklung wurde bis 1890 von Bismarck bestimmt. In dieser Zeit wurden in Deutschland u.a. Urheberschutz, einheitliches Patentgesetz, Straf- und Zivilprozessordnung, Sozialversicherungen (Krankenversicherung, Unfallversicherung und Invaliditäts- und Altersversicherung), aber auch die Sozialistengesetze eingeführt. Mit einer antisozial – demokratischen Sammlungspolitik und einer bei der Bevölkerung populären Flottenaufrüstung versuchte die Monarchie, den Rückhalt bei der Bevölkerung zu sichern – führte Deutschland dadurch aber aussenpolitisch in die Isolation und schliesslich in den 1.Weltkrieg. Mit den Kriegstoten im ersten Weltkrieg und der steigenden sozialen Not verlor die Monarchie schliesslich das Vertrauen der Bevölkerung. Obwohl gerade 1% der deutschen Gesamtbevölkerung jüdischen Glaubens war, gab es schon zu dieser Zeit eine stark judenfeindliche Stimmung. Bestimmte Berufe wurden den Juden einfach verschlossen. So durften Juden damals nicht Offizier werden. Dies war damals ein hochangesehener Beruf. Obwohl es sehr viele jüdische Anwälte gab, wurde den Juden eine höhere juristische Laufbahn oder ein Richteramt erschwert. Dies wurde damit begründet, dass es nach Empfinden der Bevölkerung Juden nicht möglich wäre, Christen einen Eid abzunehmen.

Die jüdischen Brüder Löb und Moses Simson kauften 1856 im thüringischen Suhl die Eisenschmiede „Heinrichs – Hammer“, gründeten die Firma Simson & Co. und fertigten zunächst Militärausrüstungen für die preussische Armee. Als zweites Standbein stellte Simson – inzwischen von der 2. Generation geführt – dann ab 1896 Fahrräder her und wurde bald zu einem grossen Fahrradproduzenten. Die „Simsonwerke“ wurden ein Begriff über die Grenzen Thüringens hinaus. Ab 1908 begann die Entwicklung von Automobilen. 1911 wurde dann das erste Serienautomobil hergestellt, bis dann später der Simson Supra zum „Renner“ wurde. Motto: Vom Rennsport für die Serie. Bereits 1914, mit Beginn des 1. Weltkrieges endete die Episode Automobilbau bei Simson zunächst wieder, da man sich auf das hoch profitable Waffengeschäft konzentrierte.


Inserat der Simsonwerke 1919

Zeit der Weimarer Republik 1918 – 1933

Die Weimarer Republik war die Zeit der ersten parlamentarischen Demokratie in Deutschland. Im Zuge der Novemberrevolution am 9.11.1918 ausgerufen, dauerte diese Epoche bis zur Ernennung von Adolf Hitler als Reichskanzler am 30.01.1933.
Zu Beginn standen Krisenjahre in Folge des 1. Weltkrieges, des Versailler Vertrages und einer Hyper- Inflation, die mit der Geldentwertung grosse Teile der deutschen Bevölkerung praktisch enteignete. Etwa von 1924 bis 1929 erlebte Deutschland eine Zeit relativer Stabilität. Die Weltwirtschaftskrise 1929 und der ab 1930 beginnende Aufstieg der Nationalsozialisten führten schliesslich zum Ende der Weimarer Republik.

Simson blieb auch in der Weimarer Republik im Waffengeschäft tätig, produzierte Gewehre und Handfeuerwaffen, war ein bekannter Hersteller von Jagdgewehren und Hauptlieferant für Polizei und Reichswehr. Auch die Automobilproduktion wurde wieder aufgenommen.
Mit dem Simson Supra SS produzierte man einen Rennwagen, der in den 20- er Jahren neben Mercedes Benz der erfolgreichste Rennwagen war. Im Volksmund nannte man das Flaggschiff Supra Typ A, der einen 8 – Zylinder Reihenmotor hatte, den „Rolls- Royce aus Suhl“. Dieses Auto verfügte schon damals über obenliegende Nockenwellen und Vierventiltechnik. Simson war damals auch mehrmals Sieger der Rallye Monte Carlo. Die hohe Qualität der Fahrzeuge hatte natürlich einen entsprechenden Preis. Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise in den dreissiger Jahren konnten sich immer weniger Leute ein Auto leisten. Die Monopolstellung als Waffenlieferant der Reichswehr half Simson dabei, die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920 – er Jahre recht gut zu überstehen. Die lokale Konkurrenz hingegen hatte stark zu leiden, es gab auch in Suhl zahlreiche Firmenzusammenbrüche. Damit begannen Anfeindungen und Beschwerden der Mitbewerber, die dann von den in dieser Zeit stärker werdenden Nationalsozialisten genutzt wurden, um die jüdischen Geschäftsführer Julius und Arthur Simson anzugreifen.

 

Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten um Adolf Hitler im Jahr 1933 begann das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, das erst 1945 mit dem Ende des durch die Deutschen begonnenen 2. Weltkrieges durch den Sieg der Alliierten endete und Deutschland, wie auch weite Teile Europas, in Schutt und Trümmern hinterliess. Angriffskrieg auf die Nachbarländer, Verfolgung Andersdenkender und die geplante Vernichtung der Juden gehören in diese Zeit.

Den Nationalsozialisten war es ein Dorn im Auge, dass der Rüstungsbetrieb Simson in jüdischem Besitz war. Die Diffamierungen der Simsons durch die Nationalsozialisten nahmen stark zu. Insbesondere der thüringische Gauleiter Fritz Sauckel war aktiv, so dass es zu einem Schauprozess in Meiningen wegen „Übervorteilung des Reiches“ kam. Obwohl die Angeklagten über ein Jahr inhaftiert waren, wurden diese zunächst aus Mangel an Beweisen in allen Punkten freigesprochen. Noch war die Justiz nicht komplett gleichgeschaltet, couragierte Richter bewahrten anfangs noch die Unabhängigkeit der Justiz. Dies sollte sich bald ändern. Der Familie wurde die Kontrolle über die Firma entzogen und mit dem Berliner Kaufmann Herbert Hofmann ein NSDAP – Mitglied als Treuhänder eingesetzt. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit gab es 1935 ein neues Verfahren, das mit einem Schuldspruch endete. Es kam zur „Arisierung“ der Firma. Unter Waffengewalt wurden die Brüder Simson gezwungen, das Unternehmen auf Fritz Sauckel zu übertragen. Die Simsons flohen 1936 über die Schweiz in die USA. Der Name Simson wurde aus der Firmenbezeichnung gestrichen. Die Firma wurde umbenannt in „Berlin – Suhler- Waffen – und Fahrzeugwerk. Unter dem Namen Gustloff- Werke wurde dann neben Waffen auch das erste motorisierte Zweirad hergestellt – ab 1936 das erste Suhler Motorrad, die BSW 100.

Sogenannte „Motorfahrräder“ waren Mitte der 30 – er Jahre sehr beliebt. Diese Gefährten waren Steuer – und Führerscheinfrei, schneller als ein Fahrrad und viel billiger als ein Auto. So trugen sie zur Motorisierung breiter Teile der Bevölkerung bei. Jährlich liefen in Suhl etwa 3000 BSW vom Band. Mit Beginn des 2. Weltkrieges am 1.September 1939 fertigten 6000 Mitarbeiter fast nur noch Waffen, bis die Produktion des BSW 100 zu Gunsten der Kriegsgüter im Jahr 1941 ganz eingestellt wurde.

Eigentlich hätte dieser Rüstungsbetrieb ein bevorzugtes Ziel der alliierten Bombenangriffe sein müssen, um den Waffennachschub zu unterbinden. Auf Grund der Lage von Suhl in einem engen Tal inmitten des Thüringer Waldes kam es aber in der Stadt und im Werk kaum zu Kriegsschäden.

 

Kriegsende und sowjetische Besatzung

Mit Ende des 2. Weltkrieges wurde Suhl im April 1945 zunächst von amerikanischen Truppen besetzt. Suhl wurde gemäss Vereinbarung der 4 Siegermächte dem Land Thüringen und damit der sowjetischen Besatzungszone zugeordnet. Die Grenze zu Bayern und Hessen, die unter amerikanische Besatzung kam, lag nur wenige Kilometer entfernt. Die Rote Armee kam in die Stadt. Die Sowjets übernahmen die Leitung der Firma, die gemeinsam mit dem Fahrzeugwerk Eisenach der SAG AWTOWELO (AWTO = Auto / Eisenach, WELO = Fahrräder / Suhl) angehörte. Wie bei vielen andere Unternehmen in Ostdeutschland begannen die russischen Besatzungstruppen auch in Suhl damit, das Werk zu demontieren und alle beweglichen Maschinen per Bahn in die UdSSR zu transportieren. Viele Gebäude wurden gesprengt. Auf den wenigen verbliebenen Maschinen begann wieder die Produktion von Kinderwagen, Fahrrädern und Jagdwaffen. Diese waren vollständig als Reparationsleistungen für den sowjetischen Markt bestimmt. Aus Simson bzw. den Gustloff- Werken wurde am 6.3.1947 die SAG „AWTOWELO Moskau, Zweigstelle Weimar“. Daraus wurde bald der Name SAG Simson abgeleitet und somit kam der alte Firmenname wieder zurück.
Ende 1948 erhielt die Firma den Befehl der sowjetischen Militäradministration, ein seitenwagentaugliches 4 – Takt Motorrad mit 250 ccm, 12 PS, ca. 3l Verbrauch und mindestens 100 km/h Höchstgeschwindigkeit zu entwickeln. Bereits 1950 konnte die Produktion aufgenommen werden. Dieses Tempo ist selbst heute kaum erreichbar.
Ergebnis war die AWO 425, eine bis heute legendäre und in der Oldtimerszene teuer gehandelte Maschine.


Vorserienmodel der AWO 425

Simson Werbefoto AWO 1954

 

Simson- Geschichte zur DDR – Zeit

Am 1. Mai 1952 endete die sowjetische Verwaltung. Das Werk wurde an die 1949 auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone gegründete DDR übergeben. Mit der Gründung der DDR wurde die deutsche Teilung besiegelt. Dieser Staat wurde als sozialistisches Land unter sowjetischer Führung fest in den Ostblock integriert. Als Antwort darauf reagierten die westlichen Länder mit einer Embargopolitik und stoppten die Lieferung von wichtigen Rohstoffen und Gütern wie Stahlbleche, Kohle und Erdöl. Da die Stahlproduktion in Deutschland traditionell im Westen angesiedelt war, traf dies den Fahrzeugbau auf dem DDR – Gebiet empfindlich. Übrigens war dies auch der Grund, dass der Trabi eine Kunststoffkarosserie hatte, was zum Spottnamen „Rennpappe“ führte.
In Suhl entstand das „VEB Fahrzeug – und Gerätewerk Simson Suhl“.


Simson Gesamtprospekt 1958

Die sechziger Jahre brachten neue, starke Veränderungen. Der Bau der Mauer als unüberwindbare Grenze schnitt die DDR komplett vom Westen ab. Weltweit endete um diese Zeit die Motorradkonjunktur, da sich viele Familien ein Auto kauften konnten und Motorräder noch kein Sportgerät waren. Auch andere, grosse Firmen gerieten dadurch in Schwierigkeiten: Norton geriet 1966 in Konkurs, Indian 1953, Kreidler hielt sich bis 1982.

Neben der AWO in Suhl wurden in der DDR auch in Zschopau die MZ und die BK bei EMW in Eisenach gebaut. Der Inlandsabsatz war mangels Alternativen noch sehr gut. Auf den westlichen Exportmärkten traten erste Absatzschwierigkeiten auf. Die Maschinen waren aber technisch noch auf aktuellem Stand und teilweise sogar noch führend. Nachteilig war aber das Ost – Image. Um diese Zeit begann man, sich verstärkt auf Ost – und Entwicklungsländer zu konzentrieren. Da die westlichen Devisen für die DDR wichtig waren, begann man um diese Zeit, den Absatz im Westen mit Dumpingpreisen aufrecht zu halten.

In der DDR begann die Zentralisierung der Industrie. Die Betriebe wurden zu Kombinaten zusammengefasst und zentral geführt. In den einzelnen Firmen durfte kaum noch etwas selbst entschieden werden. Alle Einnahmen und Ausgaben wurden an die Zentrale abgeführt und den einzelnen Betrieben Budgets zugeteilt, die nichts mehr mit der tatsächlichen Rentabilität zu tun hatten, sondern politischen Zielen untergeordnet wurden. Dies hatte auch erhebliche Auswirkungen auf die Motivation der einzelnen Arbeiter. Die Arbeitsproduktivität sank im ganzen Land. Dies fiel der Führung lange nicht auf, da vielfach schöngerechnete Zahlen nach oben gemeldet wurden.

Simson wurde im Zuge der Kombinatsbildung in den IFA – Industrieverband Fahrzeugbau der DDR eingegliedert. Zu der IFA gehörten auch die MZ Motorradwerke Zschopau, Wartburg Eisenach, Trabant Zwickau, die LKW – Werke Ludwigsfelde und viele Zulieferer.

Der Staatsführung passte es nicht, dass es drei verschiedene Motorradhersteller gab, man wollte Entwicklungsgelder reduzieren und versprach sich eine höhere Produktivität durch die Konzentration auf ein einzelnes Werk. Auf zentrale Weisung der „Staatlichen Plankommission der DDR“ durften Motorräder nur noch bei MZ in Zwickau hergestellt werden und in Suhl musste die Produktion der AWO eingestellt werden. Da auch EMW die Motorradproduktion zu Gunsten der PKW einstellen musste und der Oberklasse – PKW Sachsenring P 240 eingestellt wurde, war dies das Ende der 4 – Takt Motoren in der DDR.


Jugendliche vor dem Dorfclub um 1975

Simson durfte nur noch Kleinkrafträder mit 50 ccm Hubraum produzieren. Trotzdem gab es mit Sperber, S 70 und dem Roller SR 80 Versuche, mit 70 ccm- Triebwerken in die Motorradklasse vorzustossen. Diese waren aber niemals erfolgreich.

1964 begann die Epoche der legendären Vogelserie. Mit „Schwalbe“, „Spatz“, „Star“, „Sperber“ und „Habicht“ entstand in der DDR eine völlig neue Fahrzeugkategorie.
Aus fahrradähnlichen Mopeds wurden vollwertige Kleinkrafträder.
Die Vogelserie war die letzte Modellreihe, die auf Weltmarktniveau mithalten konnte.

1975 folgte die Ablösung der Modelle durch die Mokick – Baureihe S 50.
Mit einem neuen Motor wurde daraus ab 1980 als Baureihe S 51 abgeleitet. Auch die Schwalbe erhielt den neuen Motor, wurde aber äusserlich unverändert noch bis 1985 weiterverkauft. Die Entwicklungssprünge wurden immer kleiner und zum Symptom der Mangelwirtschaft, bzw. der sich verschärfenden ökonomischen Situation in der DDR. Die Leistungsfähigkeit der DDR – Wirtschaft nahm immer weiter ab.

Ende der 1980 – er Jahre arbeiteten bei Simson in Suhl etwa 4000 Mitarbeiter, die pro Jahr mehr als 200.000 Kleinkrafträder produzierten. Die Fahrzeuge wurden in viele Länder – in kleinen Mengen auch in die Schweiz – exportiert. In der DDR war die S 51 der Traum fast aller Jugendlichen, die diese bereits mit 15 Jahren fahren durften und oft zur Konfirmation geschenkt bekamen.

Die Nachfrage war stets grösser als das Angebot. Simson war eine der erfolgreichsten Firmen im Süden der DDR. Zu ihren Besten Zeiten musste Simson sogar Gastarbeiter aus Vietnam und Mosambik rekrutieren. Sogar die Schaffhauser Nachrichten berichteten darüber (Ausgabe vom 11.04.1987 Seite 2).


Fliessbandproduktion der S 51 bei Simson um 1981

Die Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in der DDR hinterliess auch bei Simson Spuren. Die Firma war als erfolgreicher Exportbetrieb bei der Regierung beliebt. Trotzdem musste sich die Firma Mittel für Neuentwicklungen zentral genehmigen lassen. Immer wurden nur geringe Gelder für Varianten genehmigt, während Investitionen in Nachfolger nicht möglich waren.

Der für 1985 geplante Nachfolger S 52 mit Zentralfederbein durfte nicht realisiert werden. Das neue Modell S 53 als letzte DDR- Entwicklung kam zwar Anfang 1990 auf den Markt, musste aber den Motor und fast die gesamte Technik des S 51 von 1980 übernehmen.
Neu waren nur einige Designänderungen und Verkleidungen. Mit einer zehn Jahre alten Konstruktion hatte Simson einen sehr schlechten Start in die Marktwirtschaft.

Wende und deutsche Wiedervereinigung

Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges standen sich der Westen mit der USA und den Westeuropäischen Ländern und der sozialistische Osten in unversöhnlichen Blöcken gegenüber. Ein Wettrüsten zwischen NATO und Warschauer Pakt zehrte an den Volkswirtschaften beider Bündnisse. Dem waren die sozialistischen Länder nicht gewachsen und die ökonomische Situation im Ostblock verschlechterte sich immer mehr. Mit der Wahl von Michael Gorbatschow zum Staatschef der Sowjetunion bröckelte der Sozialismus und es begann endlich eine Zeit des Tauwetters zwischen beiden Blöcken. Was als Perestroika und Glasnost begann, führte zum Zusammenbruch des Ostblockes ab 1989 und zur deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. In rasantem Tempo änderte sich damit auch die Situation für Simson. Noch im Herbst 1989 – tief in der Planwirtschaft – wurde bereits am 1.März 1990 in der DDR die Umwandlung der volkseigenen Kombinate in Kapitalgesellschaften beschlossen. Zwei Monate später erfolgte die Umwandlung in die Simson Fahrzeug GmbH Suhl. Mit der Einführung der D – Mark in der DDR zum Kurs 1:1 am 1. Juli 1990 folgte ein steiler Abstieg des Unternehmens. Es rächte sich bitter, dass jahrzehntelang keine Investitionen erfolgten und die angebotene Technik längst nicht mehr zeitgemäss war. Der Markt für Kleinkrafträder war weltweit rückläufig, was bereits vorher zum Ende von etablierten westlichen Firmen führte. Gleichzeitig begannen Motorroller aus Asien auf den europäischen Markt zu drängen. Mit der Einführung der DM brachen auch die Absatzmärkte in den Ostländern weg.

Dazu kam, dass die Führerscheinregelung der DDR nicht mit dem Einigungsvertrag übernommen wurde. Statt mit 15 Jahren diese 60 km/h Mokicks zu fahren, durfte man künftig erst ab 16 Jahren 45 km/h Maschinen fahren. Der letzte Vorteil der Simson – Mokicks fiel damit weg. 1991 wurden nur noch 5000 Fahrzeuge verkauft. Ende 1991 wurde das erste Nachfolgeunternehmen liquidiert. Mitarbeiter gründeten 1991 die Suhler Fahrzeugwerk GmbH, die die Produktion weiterführte, bis auch diese 1997 ebenso in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet. Weitere Umbenennungen und Neugründungen folgten.


Produktion bei Simson 1996 (aus SPIEGEL)

Während das Mokick zu DDR – Zeiten ein massentaugliches Verkehrsmittel war, konnten jetzt immer mehr Menschen auf Autos umsteigen. Die Mokicks wurden zumeist verschenkt und das führte dazu, dass die Nachfrage nach Neufahrzeugen weiter fiel.

Da die ab 1992 produzierten Fahrzeuge nur noch 50 km/h schnell sein durften, war ein älteres Fahrzeug zudem noch interessanter.

Bei Simson war man ziemlich kreativ und versuchte, Nischen zu besetzen. Die Fahrzeuge wurden neu in 25 / 50 / 70 km/h Varianten angeboten. Mit dem Simson Albatros entstand ein interessantes Dreirad für den Kurzstreckentransport. So beliebt dieses seltene Fahrzeug heute bei Sammlern auch ist – eine rentable Produktion war nicht möglich. Es gab zahlreiche Modelle und Versionen in immer kürzeren Abständen. So ist es heute schwer, eine genaue Übersicht über die „Nachwendemodelle“ zu erhalten. Zum Teil waren die Absatzzahlen derart klein und die Produktionszeiträume so kurz, dass es keine Literatur dazu gibt. Einige vorgestellte Modelle wurden auch gar nicht erst in die Produktion überführt. Selbst Experten, wie der Leiter des Simson – Museums in Suhl, Dipl Ing. Joachim Scheibe, konnte mir keine möglichen Quellen für eine Modellübersicht nennen.


Simson Albatros von 1998

Simson S 53

Auch wurde in Suhl von 1993 – 1996 der „Hotzenblitz“ montiert. Dies war ein sehr fortschrittliches Elektromobil mit Smart – ähnlichem Aussehen und futuristischem Design. Ironie der Geschichte: Während Simson jahrelang unter rückständiger Technik litt, kam der Hotzenblitz Jahre zu früh. Damals war noch kein Absatzmarkt für Elektromobile vorhanden und auch dieses Projekt scheiterte.

Bis 2002 konnten gerade einmal etwa 47.000 Zweirad – Fahrzeuge verkauft werden. Am 1.Februar 2003 wurde schliesslich das gesamte Betriebsvermögen versteigert. Dies war nicht nur das Ende der Simson – Unternehmensgeschichte, sondern auch ein schwerer Schlag für die Stadt Suhl. Simson war ein bedeutender Arbeitgeber in der Region. Die Einwohnerzahlen haben sich entsprechend verändert. 1989 lebten noch 56.000 Menschen in Suhl, im Jahr 2012 gab es nur noch rund 35.000 Einwohner.

Das Betriebsinventar und die Markenrechte wurden vom 1991 gegründeten MZA Meyer Zweiradtechnik GmbH übernommen. Diese verkauft und produziert Simson – Ersatzteile und stellt inzwischen sogar wieder den Simson Motor M 541 her. Die Fahrzeugproduktion in Suhl ist hingegen Geschichte, während die 1991 auf dem Gebiet der früheren DDR gegründete MZA floriert und wächst.


Hotzenblitz im Simsonmuseum
Suhl

Leerstehende Produktionshallen
bei Simson Juni 2015

 

Constantin Hennig VA ABU 2018 SRAM14 Simson 20180122